"Das Lager"

Arnas – nach dem Kampf mit dem Diskus
Auch des Nachts war die Gruppe der sieben Gezeichneten und deren vorläufige Rebellen-Gefährten nicht vor Unannehmlichkeiten gefeit; sei es da der in Strömen kommende, unangenehme Regen, der die Augen trübte, so man sie denn nicht wie ein gereiztes Tier zusammenkniff, oder aber die in unregelmäßigen Abständen kommenden Laute, die im besten Falle “nur” von wilden Tieren stammten …
Fürwahr, Maraskan gehörte keinesfalls zu den Orten, die man länger als unbedingt nötig aufsuchen sollte … nur leider war der Aufenthalt der Helden hier unbedingt nötig … welch unglückliche Fügung des Schicksals aber auch. “Schicksal” waberte es Arnas durch den Brummschädel, der sich nach dem Kampf mit den Rebellen des Diskus bei ihm eingestellt hatte. Mit durchnässter Lederrüstung angetan saß er auf dem matschig-weichen Moos, welches fortwährend durch den erbarmungslosen nächtlichen Wolkenbruch aufgeweicht und überschwemmt wurde.

Trotz den Widrigkeiten dieser unwirtlichen Gegend saß Er draußen, abseits seiner engsten Gefährten und den überlebenden Rebellen, ohne Schutz vor grässlicher Nässe, die sich durch seine Kleider fraß, somit seinen trüben, resignierten Gemütszustand nur noch mehr verdüsterte.
“Wie lange wird es wohl dauern, bis wir in das nächste Wespennest des Dämonenhundes stechen, um dann festzustellen, dass der widerliche Schwarm nur ausgeflogen und sich anderswo schon mit selbstnatürlicher Dreistigkeit breitgemacht hat?” dachte Arnas finster und senkte den Kopf, beobachtete das Spiel der Regentropfen, die sich aus seinen kurzen blauschwarzen Haaren lösten und träge an den dunklen Handschuhen aus maraskanischem Leder abperlten. Beiläufig tastete er nach seinem Gürtel und stieß sacht gegen die Klinge von Kratz, seinem Schwert, da wurde er durch Verian aus seinen Gedanken gerissen, der mit einem Male neben ihm stand und ihm betont lässig gegen die Schulter stieß.*
“Setz’ dich zu uns und iss was, du fällst sonst noch vom Fleisch. Lass mich dich warnen: Wenn du abmagerst, merkst du es unterhalb der Gürtellinie zuerst. *Ein neckisches Grinsen umspielte die Lippen des Diebes nach seiner fast schon zu beiläufig klingenden kleinen Weisheit. Der Hexer, der sonst seinem Kumpanen mit der spitzen Zunge wohl einen trocken Konter gegeben hätte, schwieg, beschränkte sich auf eine unwirsche Handbewegung und einen finsteren Blick. Verian, zweifelsohne selbst sehr erschöpft, schwieg nun ebenfalls für einen Moment, zog nur in unmerklich besorgter Geste die Brauen zusammen, nickte und wandte sich wieder ab. “Nun gut, aber beschwer dich nicht, wenn du dir unterwegs ein paar Spinnen fangen musst, weil dein Magen plärrt.” Auch hier erwiderte der Hexer nichts, ließ den Blick nur durch die wässrigen Schlieren des Regens schweifen, bis das finstere Dickicht verschlungener Pflanzen und Unterholz seine Aufmerksamkeit sanft in seinen Bann zog.

“Wut, Hass, hervorgerufen durch Gräueltaten … Jemand tötet, ein anderer leidet deswegen, man erhebt sich, zeigt die Zähne und will es demjenigen um jeden Preis heimzahlen … " Das Bild einer zerzausten, wild wirkenden Frau, die sich mit vor Wut und Trauer verzerrtem Gesicht über den gigantischen Leib einer aufgeschlitzten Riesenspinne warf, sich vor Tränen schüttelte und Flüche, geboren aus Leid in alle Richtungen des Dschungels warf, tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Die haarigen, erstarrten und nach innen gekrümmten Beine gen Himmel gereckt … – Er sah wieder weg, die Vorstellung unterbrechend, langsam hinab auf seine Hände und schloss die Augen. Das Bild verschwamm …

Statt der Spinne und ihrer aufgelösten Herrin war er es nun, der inmitten von verbrannten Hüttenresten über einem entstellten Frauenleib hockte und vor Wut zitterte, unfähig die Tränen zurückzuhalten, die einem salzigen Fluss gleich aus seinen zusammengepressten Augenwinkeln flossen, wilde, mörderische Flüche in die schwarze, mit glühend roten Wolken verhangene Nacht hinausschreiend bis ihm die Kehle heiser wurde, der Atem ihm versagte …
Und seiner statt sah er nun eine hübsche, noch recht jung wirkende Elfe mit kurzem braunem Haar und einem rot-schwarzen Kleid angetan nachdenklich im Regen sitzen, hinter ihr eine bleiche schemenhafte, mächtige Gestalt, die ihr väterlich eine bleiche Spinnenhand auf die Schulter gelegt hatte … Ein jäher, roter Schmerz, ein ungehaltenes Zischen in seinem Kopf und ein ekliger Schmerz in seiner rechten Augenhöhle rüttelten ihn wach – so unvermittelt wie ihn die Vision überkam, war sie auch schon vorbei.
Arnas riss die Augen auf, schnappte nach Luft und krallte die Hände ins matschige Moos, fast schon dankbar, da seine Umgebung ein Anker war, der ihm versicherte, im Hier und Jetzt zu sein … ein nasser, widerlicher zwar, aber ein Anker.
Er hatte keine Zeit, über die Bedeutung des Traumes oder Vision, was immer es gewesen sein mag, nachzudenken, denn hatte er da nicht ein echsisches Zischeln vernommen? Fest umschloss die Hand des Hexers den Griff seines Kurzschwertes … Er erhob sich …

Verian – Belagerung des verschollenen Regiments

Es begann zu dämmern. Verian sah von seinem Tagebuch auf, stand auf und streckte sich. Bald war es Zeit, bald würde er sich in das Schloss wagen. Allein. Beiläufig ließ er sein Buch in den Rucksack gleiten, holte die Politur heraus und begann Stich zu pflegen.
“Da wo ich hingehe werde ich dich nicht brauchen…”, murmelte er während er sich eine grasgrüne Strähne aus dem Auge wischte, “… und sollte ich es doch tun, dann habe ich versagt.”
Er schaute in den sich verdunkelnden Himmel. Wolkenverhangen war diese Nacht. Wichtig war diese Nacht. Nach beendetem Abendritual erhob er sich wieder und ging zur Feuerstelle, wo Hjalmar mal wieder alle Arbeit geleistet hatte. Gute Köche waren selten hier draußen…
“Pass darauf auf Großer.”, sagte er während er dem in die Jahre gekommenen Thorwaler die teure Klinge in die Hand drückte.
“Die ist nicht groß, nimm sie mit. Du wirst sie verdammt nochmal brauchen können, bei Swafnir!”, erwiderte Hjalmar, doch Verian ließ sich nicht beirren: “Alles was nicht mit muss bleibt hier, ich bewege mich gleich weder auf dem Terrain deines Gottes oder dem seiner Mutter, nein, ich gehe Phexens Weg. Anders seht ihr mich nicht in einem Stück wieder…”

Phexens Weg… wie lange hatte er diesen nicht mehr beschritten. Vor Monaten, in Selem… Doch waren die anderen mitgekommen. Leider? In diesem Schlangennest war es bedeutungslos ob man irgendwo hineinmarschierte und etwas.. “Eigentumsumverteilung” betrieb, wie der alte Larescio gesagt hätte.
Doch jetzt war es anders. Die anderen waren auf ihre Weise begabt, doch dieses Kunststück musste Verian selbst vollbringen. Den Blick schweifend stellte er fest, dass er wieder eine Dukate über die Finger seiner rechten Hand rollen ließ.
“Ich danke dir für meine flinken FInger, wie ich dir für meine flinken Füße danke. Ich weiß nicht ob du dass hier je für mich vorgesehen hattest, doch du hast mich gut vorbereitet mein Herr. Deswegen bitte ich auch nicht um deine Hilfe, denn wozu um etwas bitten was einem schon gegeben wurde, nicht wahr du Fuchs?”, dachte Verian mit einem Lächeln Richtung Himmel, an dem seit kurzem ein Stern aufblitzte. Ohne weiter nachzudenken schnipste er die Münze gen Himmel.
“Doch für etwas Nebel im Geiste der Männer in diesen Mauern wäre ich dankbar. Sieh das als Anzahlung.”
Die Münze fand ihren Weg nicht wieder zu Verian zurück. Wahrscheinlich irgendwo im Dickicht gelandet. Oder vielleicht…

Arnas – Belagerung des verschollenen Regiments – “Ruf der giftigen Henker”

Den Vorbereitungen Verians nicht mehr Beachtung als nötig schenkend, stand Arnas an einem Baum, die Handfläche gründlich an das modrige Holz gepresst, die Augen geschlossen. Diese Prozedur ging nun seit zwei Tagen so – jeden Abend stand der Hexer auf, stellte sich wortlos an einen Baum oder einen Stein, befummelte diesen mit den Händen und blickte in Richtung Ihtrons Brust, zischelte dabei leise vor sich hin, dann einmal vernehmlich und laut in den Wald hinein. Dies tat er auch am heutigen Abend, an dem, ob des geplanten Einbruches in die Feste des verdächtigen Batallion der Drachengarde, die Gruppenstimmung ohnehin schon aufgekratzt war.

Würde es ihm gelingen, die giftigen Henker des Dschungels zu rufen? Er, ein Seher, der sich hier amateurhaft an die Künste einer Schwester des Wissens heranwagte? Ein Versuch war es allemal wert, denn den Leerlauf seiner Untätigkeit fortführen? – ausgeschlossen. Er war ein Hexer, zwar gemartert durch Dschungel, den Verlust seines geliebten Raben und das Erstarken des Dämonenmeisters im Fürstenpalast Tulzaks, -direkt vor ihrer Nase! Aber dennoch: Er hat sich den Umständen angepasst. Von Kindesbeinen an war ein ein Spross der Natur … nun galt es nur, der wilden Entschlossenheit und dem verbissenen Widerstand dieses zähen, vermaledeiten Dschungels Herr zu werden, sich diese Aspekte einzuverleiben!

Nach einem entschlossenen, kurzen Knurren zischte der Hexer abermals in den Dschungel hinein und krallte die lang gewordenen, ehernen Hexenkrallen in das weiche Nassholz. “Nur weiter üben …”

Verian – Abends auf dem Deck der Perlbeißer – “Ist es Schicksal?”

Dunkelheit, Kälte, lärmend und doch still, so still dass es einem das Herz stehen lässt. Von den Schatten niedergerungen lag Verian am Boden, spürte wie der Griff von Patras’ Fingern erschlaffte. Erst jetzt spürte Verian wie kalt er selbst geworden war, als ein paar heißer Tränen seine Wangen auftauten. Er spürte ein Feuer in sich – nicht so wie das was er bei Korobar gefühlt hatte, eine kalte Wut, nein – heiß brennender Zorn der seine Eingeweide erhitzte und ihn aufspringen ließ. Vor ihm stand der Dämonenmeister, er musste nur noch Stich ziehen und es in Borbarads Leib stoßen.. Er zog seine Klinge, schnitt. Da war aber kein Widerstand, die Klinge zerschnitt die Schatten, alles zerfaserte…

Verian öffnete die Augen und sah Schwarz und Sterne, vernahm leichtes Meeresrauschen und den Geruch von Salzwasser. Es war der gleiche Traum wie seit Wochen gewesen.
“Bin wohl am eingeschlafen..”, murmelte er und erhob sich.
Noch etwas wackelig auf den Beinen stand er auf, bewahrte seine Rumflasche vor dem umfallen und nahm noch einen großen Schluck ehe er zur Rehling schritt und in die Sterne am Horizont starrte.

“Die Frage ist: Wieso nicht ich? Ich habe zu wenig geleistet in Tuzak, ich war nicht mal in der Lage mir selbst zu helfen… Wenn Patras mir nicht hätte helfen müssen hätte er es wahrscheinlich überstanden…”, murmelte er weiter in den Wind. Dann reckte er sich und nahm einen Schluck Rum.
“Was mache ich hier eigentlich? Wir haben alle genug getrauert, es gab genug Reue. Ich habe mir lange genug die Schuld gegeben und mich selbst bemitleidet! Boron, Phex und Patras. Ihr habt mir eine weitere Chance geschenkt, eine weitere Chance etwas zu erreichen, etwas zu bewirken im Kampf gegen Borbarad.
Ich weiß dies zu würdigen. Und hoffe zu wissen, wie ich diese Chance nutzen soll.
Patras, es war nicht dein Schicksal zu sterben; es war vielleicht mehr mein Schicksal etwas zu tun. Ich werde diese Chance, dieses Geschenk des Lebens nutzen, das verspreche ich dir. Ich werde tun wozu ich bestimmt bin, und ich werde stärker um nicht weitere Freunde auf diesem Weg zu verlieren…
Und sollte ich zu nichts auserkoren sein: meine drei Gefährten sind es. Und ich werde ihnen helfen, so gut ich es vermag!”

"Das Lager"

Die 7 Gezeichneten SunnierThanBlack